
Julien Benda hat die Intellektuellen des Verrats bezichtigt – das Verdikt ist noch immer im Schwange, ja, der Verdacht, daß sie willfährig den Lockungen der Macht folgten, ist eher gewachsen. In der Tat ist die Funktionalisierbarkeit der Intelligenz, ihre Bereitschaft , als »Legitima tionsagent« von Herrschaft und Beschwichtigung einen faulen Frieden mit den Verhältnissen zu schließen, notorisch. Es bestünde also der Vorwurf, den Benda vorgetragen hat, zu Recht? Es kann, wenn vom Sinn oder vom Widersinn der Intellektuellen-Existenz heute gehandelt werden soll, nicht abgesehen werden von ihrer Dienstbarkeit gegenüber den Mächtigen, ihrem Anteil an den »Befriedungsverbrechen«, die täglich im Namen einer Mehrheit oder einer Minderheit, der »Ord nung«, einer Klasse, einer Ideologie etc. begangen werden, noch von der Widerständigkeit des Denkens, vom Dissens, von der Verantwort lichkeit der »Kopfarbeiter« in der Gesellschaft . In diesem Buch ist die Rede von der Deformierung und Selbstdeformie rung der Intellektuellen durch Anbindung bzw. Selbstanbindung an institutionelle Interessenlagen, hauptsächlich die der Psychiatrie. Es kehrt, indem es solche Deformierungen an ausgewählten Beispielen untersucht, das Zweifelsgebot gegen die »Kopfarbeiter«, sofern diese, ausgestattet mit abgeleiteter oder geborgter Autorität und unter Beru fung auf sie, sich an »Entmündigungs- und Domestizierungsprojekten« beteiligen. Zur ›Dialektik der Aufk lärung‹ gehört, heute mehr denn je, die Selbstaufk lärung der Aufklärer.
